Phantomschaltung

1. Gruppenausstellung mit 14 KünstlerInnen
im ehemaligen Fernmeldeamt Berlin-Mitte, Klosterstr. 44,
vom 30.04.2010 bis 2.05.2010

Im ehemaligen Fernmeldeamt Berlin-Mitte, Kosterstrasse 44, werden erstmals unter dem Titel Phantomschaltung Werke von 14 in Berlin lebenden KünstlerInnen auf 900 m2 miteinander in Verbindung treten.

Die KünstlerInnen kommen aus Europa, USA, Russland und Deutschland, arbeiten in Berlin und möchten galerieübergreifend miteinander als Phantomschaltung parallel zum Gallery Weekend Berlin 2010 ausstellen und gemeinsam feiern. Diese Gruppenausstellung soll klassische Darstellungsraster aufbrechen, interdisziplinär gemeinsam wirken und diverse Positionen mit aktu-ellen Werken von Berliner KünstlerInnen zeigen. Sie soll für diesen historischen Ort eine Pre-miere für einen zukünftigen Kunstraum darstellen, der hier KünstlerInnen mit einem gemeinsamen Projekt – parallel zum Kunstmarkt - frei präsentieren wird.

Der Begriff Phantomschaltung bezeichnet in der Nachrichtentechnik ein Verfahren zur Erhöhung der Anzahl von Sprechkanälen in Fernkabeln. Dabei werden magnetische Wirkungen aufge-hoben, keine Spannungen induziert und es können z.B. sieben Sprechkanäle gleichzeitig in einem Fernkabel übertragen werden.

Maler, Bildhauer, Video- und Installationskünstler haben sich mit dem Prinzip der Phantom-schaltung inhaltlich auseinandergesetzt. Das Ergebnis wird durch formelle sowie inhaltliche Kriterien zum Thema und Wort Phantomschaltung und deren Assoziationen ein Kommuni-kations-Netz im Raum bilden. Der Ausstellungsaufbau beruht auf dem Schema einer Phantom-schaltung, der mit der Architektur des Ausstellungsraumes Ähnlichkeiten aufweist, und hier im metaphorischen Sinne übertragen wird, um interessante Vernetzungen im Dialog der Werke untereinander zu bilden.

Die Werke des Bildhauers Axel Anklam faszinieren durch elegante Klarheit und schwebende Dynamik. Das besondere Augenmerk des Künstlers gilt der Struktur und der Oberfläche seiner Installationen und Skulpturen, die massiv dicht und gleichzeitig transparent wirken. Fläche und Volumen halten die Balance und verleihen den Werken Anklams starke räumliche Präsenz und außergewöhnliche Leichtigkeit, die die Schwerkraft aufzuheben scheint. Bevorzugt nutzt der Künstler transparente oder opake Materialien: Edelstahlnetze, Epoxyd, Latex. Schimmernde Oberflächen wachsen über geschmiedete Karkassen. Biomorphe Formen treffen auf industrielle Materialien. Jeder Lichtwechsel schafft einen neuen Ausdruck seiner Skulpturen, die sich geisterhaft zu wandeln scheinen. Hier präsentiert er die Edelstahlskulptur Land.

Der junge französische Künstler YGVUPT UMSONST aka Jean-Baptiste Bouvet schafft Videos, Installationen, Zeichnungen und Malerei. Hier zeigt er zwei Installationen. Ygvupt (aus der Serie Fear and Agony) wirft ein effektvolles Schattenspiel, während die zweite Installation mit spiegelverkehrten Text verblüfft. In den Arbeiten von Bouvet überlappen sich ohne Vortritt mehrere Experimente mit Materie, Format, Räumlichkeit und Verschiebung. Die weiße Leinwand ohne Träger, die Farbe, die Zeichnung des Projektes, der Buchstabe, das Volumen, das Papier oder das Video werden reduziert und/oder gruppiert. Die Formen produzieren sich in einer dramatischen oder kuriosen Inszenierung, generisch oder spezifisch. Aus dem langsamen Entstehungsprozess entwickeln sich sehr sinnliche Werke. Sie sind zugleich Fiktion, Erzählung, Portrait, Bild und Architektur.

Die Videoarbeiten der amerikanische Künstlerin Nicole Cohen befassen sich mit der menschlichen Figur im Raum. Gefilmte Personen werden auf einer realen Untergrundfläche - ein kleinformatiges Foto einer Innenarchitektur aus der Vergangenheit - projeziert und treten als durchsichtige Gestalten phantomhaft in dem nun virtuell gewordenen Raum auf, um dort zu agieren. Die geschaffene Bildqualität und Kommunikationsweise spiegelt unsere Zeit wider, jedoch in einem vergangenen Kontext. Nicole Cohen schafft anhand dieser Überlappung eine einzige “Leitung” aus zwei Zeiten im Jetzt. In der Videoarbeit Building Space setzt sich eine junge Frau mit der Umgebung eines Fotos aus einem Innenarchitektur-Magazin aus den 60er Jahren auseinander, während es sich bei Fantasy Space um eine Videoprojektion auf einem Foto einer Innenarchitektur aus den 70er Jahren handelt.

Die französische, aus Algerien stammende Malerin und Bildhauerin Dalila Dalléas zeigt hier ihre Installation Les Pingouins guerriers (die kriegerischen Pinguine). Die Pinguinfigur mit seiner minimalistischen Form von 33 cm Höhe, seinen stilisierten großen Augen und einem touch Humor steht er als stummer, machtloser Zeuge, der aber durch seine simple Präsenz, hier als Gruppe/Armee, ein Ereignis stark beeinträchtigt. Es ist ein Versuch dem étrange/Seltsamen und den étrangers/Fremden mit Humor entgegen zu treten und eine Reflektion über die Funktion des Zeugen anzuregen. Seit fast vier Jahren lässt Dalila Dalléas diese Figuren meist spontan im öffentlichen Raum an verschiedenen Orten in der Welt erscheinen (wie z.B. 2006 in der Tate Modern in London).

Die Malerei von Andrea Damp ist ein überwältigendes, sinnliches Ereignis. Die neue Werkgruppe Déjà-vu / Jamais-vu befasst sich mit der fragmentarischen Wiedergabe vorgefundener Motive, die im malerischen Verfremdungsprozess eine neue Qualität ihrer Les- und Deutbarkeit erhalten. Die für die Arbeiten der Künstlerin charakteristischen Überlagerungen aus transparenter Acryl- und pastoser Ölmalerei werden in diesen Arbeiten durch haptische Schichten opaker Malmasse gleichsam gesperrt und eingebettet, sodass in den wortwörtlichen „Tiefen“ der Kompositionen die Bilder durch einen permutt-schimmernden Schleier an die Oberfläche treten. Räumliche Dimension wie zeitliches Kontinuum finden in dieser Werkgruppe eine besondere Betonung, die sich bis auf die Repräsentation des Motivs auswirkt. Dieses verliert einen Großteil seiner illustrativ, erzählerischen Komponente zu Gunsten eines Seh- und Wahrnehmungsprozesses auf den Spuren des fragmentarisch bruchstückhaften Charakters von Erinnerung und des „nicht erinnern könnens“.

Stefan Heinrich Ebner, Pseudonym s.h.e., stellt zwei seiner Skulpturen der Serie Theoretisch tot vor. Die „Bauwerke“ erinnern an Moleküle oder Kristalle, die „Tentakel“ an Vernetzung, Verdrillung, Verkabelung und erhalten durch das tierische Material Fell eine sinnliche Anziehungskraft. Mit Zerbrechlichkeit und Kraft scheinen sie sich im Raum auszu-breiten und wachsen zu wollen. Theoretisch tot, frei im Raum hängend oder stehend entfalten die Fühler des Gebildes und streben nach Ausdehnung. Struktur und Fell wirken wie eine wesenhafte Einheit. Theoretisch tot berührt diese Einheit und verlangt nach der Reflexion über Entwicklung und Wachstum, Entfaltung und Erfüllung, Leben und Tod.

Die Arbeiten des russischen Malers Andreas Golder zeugen von Kraft und Zerbrechlichkeit. Seine Gemälde besitzen eine expressive Kraft und zeigen teilweise geisterhafte Figuren, Ansichten des Todes, die Zerbrechlichkeit des Lebens, Figuren, die in der sich scheinbar bewegenden Farbe verschmelzen. Seine dynamische, meist expressive Pinselführung verleiht den bizarren Szenerien Bewegung, hinterlassen seine körperlichen Spuren, Tropfen, expressiv und surreal. Er malt das Absurde und Groteske im menschlichen Leben, den grotesken Körper, Körperteile, Karikaturen, die Anspielung auf den Tod mit Dramaturgie, Humor und Ästhetik. Golder beschreibt seine Arbeiten als realistisch und abstrakt, physisch und metaphysisch, seine Malerei ist eine andere Weise um Geschichten zu erzählen oder sein Blick auf die Welt zu kommunizieren. Er präsentiert hier drei neue Arbeiten.

Die Werke von Katrin Kampmann sind zugleich Farbexplosionen und subjektive Zeitzeugnisse. Sie changieren zwischen Abstraktion und Figuration, Phantasie-welt und Alltag und werden zu einem Kaleidoskop des Möglichen und Erträumten. Die Farbflecken verbinden das Figürliche mit dem Abstrakten und schaffen Übergänge zwischen den verschiedenen Ebenen. Die Figuren sind auf das Nötigste reduziert und haben teilweise eine geisterhafte Anmutung. Die Szenerien wirken verwirrend, sie sind eine Versuchsanordnung über die verschiedensten Aggregatszustände von Farbe und Form. Für Phantomschaltung wird die Künstlerin Werke präsentieren, die die Kommunikationstechnik von heute andeuten. Handyportraits und das großformatige Werk Geisterfahrer, sowie das Bild Jetzt kennt euch keiner mehr, auf dem eine junge Frau zu sehen ist, die vor ihrem Laptop auf dem Boden liegt, hinter ihr steht eine geisterhafte Camouflage-Figur, die ihre Hand nach der Frau ausstreckt. Alles nur Imagination durch das surfen im Internet, dass eine virtuelle Welt um den "User" entstehen lässt?

Anna Katharina Mields Installationen und Videoarbeiten befassen sich mit fragmentarischen Momenten des Alltags. Mit immer wieder neuen Materialien und Formen schafft die Künstlerin Installationen, Objekte und Videoarbeiten, die Geschichten von Räumen und Orten erzählen. Dabei entsteht ein narrativer Strang, teils fragmentarisch, teils durch absurde und irritierende Elemente verwirrend. In diesen Momenten scheint die Künstlerin den Betrachter durch ihre Arbeit zu einer ganz eigenen Auseinandersetzung mit der Welt einzuladen. Hier präsentiert sie eine Sound- und Videoinstallation, die sie in Verbindung zur "Phantomschaltung" geschaffen hat.

Der Maler Daniel Mohr zeigt hier zwei kleinformatige Arbeiten, Der Wanderer und Dem Deutschen Arbeiter sowie eine aktuelle großformatige Arbeit, Das Floss der Medusa. Es sind von der Tradition inspirierte Werke, wie hier nach dem Meisterwerk von Géricault im Louvre. Daniel Mohr arbeitet in seiner Malerei strukturiert mit Wasser- und Ölfarben und schafft sanfte Farbvariationen, Nuancen und Lichteffekte. Wenn der junge Maler es schafft, alle entgegengesetzten Elemente in ein harmonisches Konglomerat zu zwingen, ist er zufrieden. Licht und Schatten vibrieren und interagieren wie Spannungsfelder oder Stromvariationen um zu harmonieren. Seine menschlichen Figuren verschwinden teilweise in der Landschaft, wirken irreal in einer Traumwelt. Seine Farbigkeit, von lockerer Transparenz bis zu opaker Dichte in pastellfarbigen Abstufungen macht Daniel Mohr zu einem Koloristen ganz eigenen Zuschnitts.

Der Maler Christian Sauer hat eine ganz eigene Technik des Papier Collé entwickelt. Von einer Folie, auf welche er Acrylfarbe gießt, malt und spritzt, zieht er die getrocknete Farbhaut ab. Diese so entstehenden farbigen Fetzen sind die Bausteine für seine Gemälde: Aus abstrakten Puzzlesteinen werden gegenständliche Bilder. Mit dieser Technik geht der Maler erfrischend undogmatisch um: in die Farbcollagen wird immer wieder auch mit dem Pinsel eingegriffen, um Details oder Schattierungen anzulegen. Und so schichten sich aus geschnittenen und gerissenen Farbfetzen figurative Elemente. Das ausgestellte Werk Spannungsfelder handelt von Spannungsfeldern oder Gegensatzpaaren innerhalb derer sich das menschliche Dasein abspielt. Themen wie Tod-Geburt, Angst-Freiheit oder Armut-Reichtum stehen sich im Kreis gegenüber. Die Bilder im Bild sind wie auf der Umlaufbahn der Erde drapiert.

Der Bildhauer Willi Tomes stellt Arbeiten aus, die aus dem Blimperium-Zyklus stammen. Durch Kombination, Zerstörung und Transformation werden Alltagsgegen-stände und aussterbende Datei- und Tonträger wie VHS-Videos und Schallplatten zu Skulpturen, Assemblagen, Büsten und Sockeln verarbeitet und umgewandelt. Die so entstehenden überhöhten Charaktere sind Betrachtungen schwindender Existenz von Dingen und Menschen. Ein Memento Mori.

Die aus Barcelona stammende Malerin Gal·la Uriol Jané zeigt eine Gruppe kleinformatiger Ölbilder, die wie verschiedene Stimmen in einem Chor funktionieren. Ob abstrakt oder mit teils figurativen Elementen, jedes Bild stellt eine Frage und spielt damit, wie man Etwas darstellen kann. Ihre Arbeiten setzen sich mit dem Aufbau, dem Sprung zwischen drei und zwei Dimensionen in der Malerei, der künstlichen Natur, dem Basteln und der Formation/Komposition auseinander.

Auch der Maler und Zeichner Jakob Zoche hat eine eigene Technik entwickelt um Zeichnungen am Computer anzufertigen, die trotz Figuration meist eine abstrakte Anmutung haben. Die hochqualitativen Ausdrucke seiner Zeichnungen zeigen Netzwerke, Details der Welt, die anfangen zu flimmern und dem Betrachter Schwindel bereiten. Auf diese Form der Irritation legt es Zoche auch an, wenn er Kabelstrukturen zeichnet wie in der Serie Kabelwerke, bei denen sich die Perspektive durch unlogische Überlagerungen und Brüche selbst ad absurdum führt.

Kuratiert von Katia Hermann in Zusammenarbeit mit Katrin Kampmann

Dank an das Kulturamt Mitte, an das Institut français und an Zoche Imagining

Kontakt: phantomschaltung@fernmeldeamt.info

 

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